Feb
1

Ein Mann, ein Tattoo, eine Geschichte
von Dom

 

Da stand ich also, es war ein kalter Dezemberabend und ich wusste: Jetzt oder nie. Seit 2 Jahren schwebte mir der Gedanke durch den Kopf mein Leben, meine Erfahrungen, sowohl positiv als auch negativ, endlich als Kunstwerk auf meinen Körper zu verewigen.

Ich betrat das kleine Tattoowierstudio total aufgeregt und wurde freundlich empfangen. Nach kurzer persönlicher Vorstellung und Äußerung meiner Wünsche, füllte ich den Papierkram aus, bezahlte die 50€ Anzahlung und bekam meinen Termin.

Ein paar Wochen später stand die Vorlage fest! 2 Hände in Ketten gelegt, die Fäuste geballt und die Kette in der Mitte aufgesprengt. Dazu der Spruch: "Auf dem Weg durchs Leben, kannst du den Wind nicht immer im Rücken haben"...und so war es auch..

Mein Leben verlief nicht immer Bilderbuch mäßig. Angefangen hat es schon in der Kindheit, ich war ein typisches Scheidungskind. Mein jüngerer Bruder und ich wuchsen bei unserer Mutter auf, die bis heute alles für uns tun würde.

Ich war damals 8 oder 9 Jahre alt.

Mein Vater hingegen war ein schlechter Mensch und absolut kein Vorbild. Anfangs hatte er noch das Recht, uns jede Woche samstags abzuholen und einen Tag mit uns zu verbringen. Ich habe die regelmäßigen Streitigkeiten zwischen ihm und meiner Mutter damals nicht immer Voll und Ganz mitbekommen, aber an einem Abend erinner ich mich noch genau. Wir sollten ein ganzes Wochenende bei ihm bleiben, er hatte noch Freunde eingeladen, es gab viel Alkohol. Mein Bruder und ich wurden nicht beachtet. Ich hatte Panik und wollte nur nach Hause zu meiner Mutter, also rief ich sie heimlich an mit der bitte uns sofort hier abzuholen. Als sie ankam, eskalierte die Situation. Mein Vater rastete aus, trat meine Mutter die gleichzeitig meinen kleinen Bruder auf dem Arm hatte und wollte sie die Treppe runter schuppsen. Zum Glück konnte einer seiner Kumpels dies verhindern.

Nach diesem Abend wurde der Kontakt komplett eingestellt. 2005 erhielten wir eine letzte Nachricht von unserem Vater: Er hatte Selbstmord begangen und mich und meinen Bruder zwei Tage zuvor aus dem Testament streichen lassen.

Das Ganze ging nicht spurlos an mir vorbei. Meine Mutter stärkte uns zwar immer den Rücken, ich ging auch aufs Gymnasium, allerdings war ich immer nur durchschnittlich. In all den Jahren begann dann das Frustfressen. Mit knapp Anfang 20 wog ich nun 136 Kg, hatte noch nie eine wirkliche Freundin und wusste: So kann es nicht weiter gehen. Ein Glück hatte ich bis heute immer super Freunde. Einer von meinen damaligen Freunden hat mich eines Tages einfach mit ins Fitnessstudio geschleppt. Ich fand Gefallen am Training und trainierte irgendwann 6 Tage die Woche wie ein bekloppter. Resultat: -50 Kg in 2,5 Jahren! Und aktuell halte ich immer noch meine 83 Kg.

Aufgrund von meinen nur durchschnittlichen Leistungen in der Schule, fehlte mir damals ein Punkt für die Abizulassung. Damals war mir das scheissegal, ich schmiss das Handtuch und ging nach der 12 ab mit dem Gedanken: Du kriegst auch so irgendwo was. Zunächst aber flatterte die Musterung ins Haus. Da ich keine Vorurteile gegen die BW hatte, trat ich 2007 meinen Dienst dort an. Zunächst als Grundwehrdienstleistender und aktuell noch als Zeitsoldat für 8 Jahre. Warum solange BW? Ich hab schnell begriffen was die BW dir eigentlich bieten kann, wenn man sich nicht allzu doof anstellt. Ich habe alle Führerscheine bekommen, eine zivile Ausbildung zum Bürokaufmann, einen 3 monatigen französisch Kurs und arbeite aktuell in Frankreich.

2011 habe ich mich zudem getraut zu meinem BW Arzt zu gehen. 50 Kg Gewichtsreduzierung haben meinem Bauch ziemlich zugesetzt und ich hatte die bekannte Fettschürze. Die OP wurde aufgrund der Tatsache das es eine beachtliche Leistung ist die honoriert werden sollte, bewilligt und durchgeführt. Allerdings traten Komplikationen auf und ich musste 4 Tage nach der ersten OP Notoperiert werden, da sich zu diesem Zeitpunkt schon 2 1/2 Liter Blut in meinem Bauch befanden. An diesem Tag habe ich meine Erste und hoffentlich einzige Nahtoterfahrung in meinem Leben machen müssen. 2 Tage danach habe ich von meiner Mutter eine Karte in die Klinik geschickt bekommen mit dem Spruch "Auf dem Weg durchs Leben, kannst du den Wind nicht immer im Rücken haben".

An diesem Tag stand fest: DER SPRUCH WIRDS!

Die beiden Hände und die Kette sollen dabei symbolisieren, das ich mir, trotz alledem was in meinem Leben passiert ist und noch kommen wird, immer treu geblieben bin und mich immer wieder aufgerafft habe. Egal was da kommt, egal wer da kommt.

2013 werde ich den Dienst bei der BW beenden und ins Studium „Soziale Arbeit“ einsteigen. Ich möchte mich auf die Arbeit mit Jugendlichen konzentrieren die vllt. ähnliches im Leben durchgemacht haben und versuchen aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen für diese jungen Menschen wieder Ziele im Leben zu erarbeiten. Zudem wird mein jetziges Tattoo auch nicht das einzige bleiben, ich bin noch gespannt was auf mich zukommen wird.






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